DIE BRÜCKE Hameln e. V.

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Loccumer Thesen

zur Neugestaltung der Eingliederungshilfen
für seelisch behinderte Menschen in Niedersachsen

Präambel

Die UN-Behindertenrechtskonvention fordert die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit einer Behinderung an der Gesellschaft. Die Vertragsstaaten haben sich verpflichtet, geeignete Maßnahmen zu treffen, um Menschen mit Behinderungen Teilhabe und sozialen Schutz zu sichern. Durch geeignete Infrastrukturmaßnahmen sollen sie in den Stand gesetzt werden, von ihren Rechten auch tatsächlich Gebrauch zu machen. Das hat Auswirkungen auf die Gestaltung der Eingliederungshilfen.

Die Loccumer Thesen beziehen sich auf die Grundsätze der UN- Behindertenrechtskonvention und wollen ihre Verwirklichung für die Eingliederungs- hilfe für Menschen mit einer seelischen Behinderung aller Altersgruppen unterstützen.

Sie richten sich an alle Bürgerinnen und Bürger, an die von Behinderung betroffenen Menschen und ihre Angehörigen, an die sozialpolitischen Entscheidungsträger, an die Träger der Sozialversicherung und Sozialhilfe und an die Anbieter sozialpsychiatrischer Dienstleistungen.

Die Loccumer Thesen werden getragen durch ein ethisches Grundgerüst, das die Bereiche Individuum, Institution, Arbeitswelt, Gesellschaft und Politik berücksichtigt. Sie sind orientiert an der Erkenntnis, dass die Humanität unserer Gesellschaft sich an ihrem Umgang mit den benachteiligten und hilfebedürftigsten Menschen bemisst. Sie sehen ausdrücklich die Menschen mit Behinderungen mit all ihren Ressourcen und Fähigkeiten und wegen ihrer Varianz als bereichernden Teil der Gesellschaft.

Neugestaltung der Eingliederungshilfe

Die Arbeits- und Sozialministerkonferenz des Bundes und der Länder hat auch im Hinblick auf die UN-Behindertenrechtskonvention Vorschläge zur Weiterentwicklung der Eingliederungshilfe vorgelegt.

Eine Neugestaltung der Eingliederungshilfe sollte folgende Anforderungen berücksichtigen:

Menschen mit einer seelischen Behinderung benötigen wie Menschen mit Behinde- rung insgesamt konkrete und angemessene Unterstützung zur Inklusion. Wesentlicher Aspekt ist die Beteiligung an Entscheidungsfindungen.

Zur Gewährleistung der Inklusion von Menschen mit Behinderungen sind die kommunalen Gebietskörperschaften aufgefordert, im Rahmen ihrer Daseinsvorsorge für alle ihre Bürgerinnen und Bürger tätig zu werden.

Es ist eine qualifizierte Erstberatung durchzuführen, die die Perspektive des jeweils Betroffenen im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention eröffnet. Dazu zählt auch eine Hilfestellung bei der Inanspruchnahme von gesetzlichen Ansprüchen.

Durch ein einheitliches konsensorientiertes Hilfebedarfsfeststellungs- und Hilfeplan- verfahren unter Nutzung geeigneter Erhebungs- und Dokumentationsinstrumente sind die Voraussetzungen für personenzentrierte Hilfen mit Teilhabeorientierung zu schaffen.

Leistungsangebote und Finanzierungsstrukturen sind in diesem Sinne flexibel auf die individuellen Ziele auszurichten.

In überschaubaren Sozialräumen sind vorhandene soziale Netzwerke zu aktivieren, zu stärken und nutzbar zu machen. Dabei sind die jeweiligen Besonderheiten vor Ort zu berücksichtigen. Es sollte dafür gesorgt werden, dass in den Sozialräumen angemessener Wohnraum für Menschen mit einer Behinderung zur Verfügung steht.

Menschen mit einer Behinderung darf nicht durch Mobilitätsbeschränkungen die Teilhabe versagt werden.

Der Zugang zu Bildung und die Teilhabe am Arbeitsleben sind im Sinne sozialer Inklusion und als individueller Ausdruck zu ermöglichen.

Für alle Beteiligten ist eine Transparenz der Strukturen, Verfahren und Prozesse herzustellen. Insbesondere ist eine regionale Bedarfs- und Angebotsplanung unter Mitwirkung von Menschen mit einer Behinderung durchzuführen und eine Angebotslandkarte zu erstellen.

Für einen gelingenden Einbezug der sozialen Netzwerke ist es erforderlich, dass Information und Verständnis für psychische Störungen im Sozialraum vermittelt werden.

Die Wirkungskontrolle der erbrachten sozialpsychiatrischen Dienstleistungen erfolgt unter Mitwirkung von Menschen mit einer Behinderung und deren Angehörigen.

Die psychiatrischen Dienste und Einrichtungen sind aufgerufen, ihre Leistungen in der Eingliederungshilfe konsequent auf die Ziele der UN- Behindertenrechtskonvention auszurichten.

Die Leistungserbringer sozialpsychiatrischer Dienstleistungen sind bei der erforderlichen Neugestaltung von Eingliederungshilfen auf verlässliche und faire Vertragsbeziehungen mit den Leistungsträgern und auf wechselseitiges Vertrauen angewiesen.

Die Dienste und Einrichtungen selbst sollten bereits bewährte Instrumente einer systematischen Organisations- und Personalentwicklung nutzen, um ihr Leistungsangebot Schritt für Schritt neu auszurichten und ihre Mitarbeiter in die Lage zu versetzen, die an sie gestellten hohen Anforderungen zu erfüllen. Dabei sind die bisher an vielen Orten bereits erreichten Erfolge zu würdigen und bekannt zu machen.

Barrieren in der Finanzierung der Hilfen und der Kontrolle der erbrachten Leistungen, zahlreiche Vorbehalte in der Gesellschaft und Unsicherheiten bei den Mitarbeitern der Dienste und Einrichtungen sind zu überwinden. Die positive Einstellung zur Selbstbestimmung und Wahlmöglichkeit der von Behinderung betroffenen Menschen bei allen Beteiligten ist eine wesentliche Voraussetzung für die Verwirklichung der Ziele der UN-Behindertenrechtskonvention.

 

Die Inklusion von Menschen mit Behinderungen ist der Test für die Solidarität unserer Gesellschaft, die in ihren Verfassungsprinzipien die Gleichheit der Menschen propagiert.

Loccum, 30. März 2011

Verabschiedet von 90 Teilnehmern der Tagung „Inklusion bei den Eingliederungshilfen“ in der Evang. Akademie Loccum vom 28.03.2011 bis 30.03.2011
(Redaktionell überarbeitet am 29.04.2011)